Ganz sicher sind die wundervollen Sandstrände Sardiniens ein guter Grund, die Insel zu besuchen. Doch Sardinien ist so viel mehr!

Hat man sich ersteinmal in die Insel verliebt, will man mehr über Sardinien erfahren. Mehr erfahren über die immer noch etwas mysteriöse Vergangenheit der Insel. Warum zum Beispiel stehen diese großen Steinkegel auf den Wiesen? Vielleicht bist du auch neugierig geworden. Möchtest nun mehr wissen über die Kultur der Sarden, ihre geschichtliche Entwicklung und die Auswirkung der vielschichtigen Vergangenheit auf die Gegenwart dieser zauberhaften Insel. Mehr erfahren über all die Kegelförmigen Bauten, “Nuraghen” genannt? Es existieren auf der Insel – und nur hier – immer noch mehr als siebentausend!
Fragst du dich, ob in Feengräbern “Domus de Janas” wirklich Feen wohnen und ob Riesen in den “Tombe dei giganti” zu Grabe getragen wurden? Ein paar Antworten kann ich dazu geben.
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Beginnen wir mit den Nuraghen:

Es sind Rundtürme aus riesigen Steinbrocken, Nuraghen, oder nuraghi genannt. Sie wurden schon vor mehr als 3600 Jahren aus mächtigen Steinblöcken erbaut. Dann wurden die Nuraghen mit kleineren Steinen gegen Einsturz so gut gesichert, das sie auch heute noch Zeugnis einer längst vergangenen und immer noch geheimnisvollen Kultur sind: Der Nuraghenkultur.

Geschichte der Nuraghen

Die Nuraghenkultur auf Sardinien entwickelte sich aus der Bonnanaro-Kultur, etwa um 1600 v. Chr. während der Bronzezeit. Vom 14. bis zum 11. Jahrhundert vor Christus waren Mittelmeerraum und naher Osten wirtschaftlich eng vernetzt. Denn es wurde reger Handel zwischen verschiedenen Reichen und Stadtstaaten getrieben. Gehandelt wurde hauptsächlich mit Metallen. Kupfer war auf Sardinien als Importgut sehr begehrt, auch wenn es eigene große Vorkommen gab. Denn während der Nuraghen Kultur wurden daraus einmalige Bronzefiguren geschaffen. Die mächtigsten Staaten waren das Ägypten Ramses III., sowie das Hethiterreich und das der Mykener.  Anhand sogenannter kupferner Ochsenhautbarren, die als Zahlungsmittel galten lässt sich das belegen. Zudem wurden zahlreiche Scherben mykenischer Keramik gefunden.

Als die Mykenische Kultur etwa 1050 v. Chr. endgültig unterging, gewannen die Phönizier die Seeherrschaft im Mittelmeer.

Sie errichteten ab 650 v. Chr. (vermutlich mit Einverständnis der Nuragher) Niederlassungen. Dann allerdings begannen sie, ca. 550 v. Chr. die Insel zu kolonialisieren. So begann eine großräumige Besetzung durch die Karthager (die Römer nannten sie Punier). Es ist nicht auszuschließen, dass die Nuraghen Kultur dann langsam von der phönizischen absorbiert wurde. Zwischen 500 und 238 v. Chr. brachten sie die für sie interessanten Teile unter ihre Herrschaft. Die meisten Ort lagen auf der Westhälfte der Inse: Bosa, Bythia (Chia), Cagliari, Cornus, Nora, Olbia, Sulki (heute Sant’Antioco) sowie Tharros. Das führte zu ethnischen und kulturellen Verschmelzungen in deren Folgen die Nuraghenkultur unterging.

Welchen Zweck hatten die Nuraghen?

Die alten Sarden haben keine schriftlichen Zeugnisse hinterlassen. Es ist sogar ungeklärt, ob sie überhaupt eine Schrift benutzten. So bleibt im Dunkeln, was es mit den gewaltigen Nuraghenbauten auf sich hat. Die meisten der Nuraghen bzw. Nuragen (nuraghi bzw. nuraghe) finden sich im Inselinnern und im Westen der Insel. Sie besetzen strategisch günstige Punkte auf den Kuppen von Hügeln. Meistens stehen sie in Sichtweite zueinander aufgereiht. Es spricht vieles dafür, dass sie vor allem der Verteidigung dienten. Außerdem boten sie Schutz vor Seeräubern und anderen Eindringlingen, Schafdieben und missgünstigen sardischen Nachbarn.

Einige bildeten wie der zum UNESCO-Welterbe erklärte Komplex Su Nuraxi Dorfartige Siedlungen. Neben der Burg befanden sich etwa 150 auf Steinfundamenten errichtete Hütten, deren Grundrisse noch heute zu sehen sind, ein Besuch, der sich lohnt! Die Fondazione Barumini Sistema Culturale zeigt Fotos und bietet viele Informationen auf englisch der Nuraghen Anlage von Barumini an.sole_trennlinie

Brunnenheiligtümer auf Sardinien:

Aufgrund ihrer harmonischen und perfekten architektonischen Konstruktion sind auch die Brunnenheiligtümer sehenswert, wie Sa Testa oder Santa Cristina nahe Oristano. Angehörige der bronzezeitlichen Nuraghenkultur haben vor etwa 3.000 Jahren präzise Quader aus dem Basaltgestein der Umgebung gehauen. Auch eine Nuraghe ist auf dem großen Areal zu finden. Allein in Sardinien sind bis heute etwa 40 bronzezeitliche Brunnenheiligtümer bekannt.

Santa Cristina ist wunderschön und unbedingt einen Besuch wert!

Allerdings empfehle ich den Besuch in der Nebensaison. Denn dann ist man fast alleine auf dem riesigen Areal. Wenn man Ruhe und Zeit hat, spürt man immer noch den Zauber der Steine. Auf dem ca. 14 ha großen Areal steht ein ganzes nuragisches Dorf, zumindest in Überresten.

Die heilige Brunnenanlage ist sehr gut erhalten. Sie entstand zum Höhepunkt der nuraghischen Kultur und zeigt höchstes Können in der Verarbeitung der Steine. Diese 3500 Jahre alte Kultur hatte große astronomische Kenntnisse. Denn genau jeweils zur Tag- und Nachtgleiche fällt das Licht der Sonne so durch die Treppe des Brunnenbaus, das ganz besondere Lichtspiele entstehen. Durch den doppelten Schatten entsteht ein umgekehrtes Schattenbild – wie bei einer Camera obscura.

Durch das Loch in der Mitte der Kuppel fällt außerdem alle 18 Jahre und 6 Monate das Licht des Mondes. Wann das wieder soweit ist, erfragst du am Besten vor Ort bei einer Führung. Die ist ohnehin zu empfehlen, wenn du alle Gebäude in ihrer Funktion verstehen willst. Es ist wirklich ein riesiges Gelände. Sehr interessant und inspirierend.

Noch heute führen die exakt geformten Treppenstufen unter die Erde zum Brunnenheiligtum.

Sie enden in einem geometrischen, wunderschönen Brunnenraum. Dort unten wurden vermutlich religiöse Reinigungs- und Fruchtbarkeitsrituale durchgeführt. Bei Grabungen wurden Bronzestatuetten gefunden, die vermutlich als Votivgaben geopfert wurden, um die Gunst der Götter zu gewinnen. Auch die nachfolgende Kultur der Punier nutzte wohl den Brunnen zu kultischen Handlungen, da auch von ihnen Schalen gefunden wurden.

Es gibt eine ganz tolle facebookseite über Santa Cristina Pozzo Sacro di Santa Cristina sowie ein Video des Brunnens Santa Cristina. Hier sieht man genau was am Tag des Äquinoktium gschieht, wenn man die auf dem Kopf stehende Spiegelung bei der Tag- und Nachtgleiche sehen kann.
Das Video ist eindrucksvoll, weil es die Anlage auch aus der Luft zeigt. Da wird dann auch der Vergleich einer weiblichen Vulva mit der Aufteilung der Anlage klarer.  Aus der Luft sieht der Eingang zum Brunnen wirklich aus wie ein weiblicher Schoß.

Die besondere Athmospähre von Santa Cristina ist immer noch zu spüren.

Die gesamte Anlage mit dem Brunnen und dem kleinen Nuraghendorf ist wirklich sehenswert. Sardische Künstler lassen sich bis heute von den Figuren dieser Zeit inspirieren. Die Kultur lebt in den Zeichnungen, Schnitzereien, Gewändern Riten sowie Tänzen weiter. Im frühen Mittelalter siedelten sich hier Einsiedlermönche des Kamaldulenser-Ordens an. Aus dieser Zeit stammt die Wallfahrtskirche Santa Cristina, die dann dem Ort seinen heutigen Namen gab. Die Gebäude, die im Mittelalter auf dem Gelände erbaut wurden, werden auch heute noch an bestimmten Festtagen genutzt.

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Wer wohnt in Feenhäusern?

Dea madre 1Feengräber sind faszinierende in den Stein gehauene Höhlen. Es ist auch heute noch spannend, die Zeichen dieser vergangenen Epoche zu betrachten und darüber zu sinieren, wie das Leben gewesen sein mag. Damals, als Menschen in Felsengräbern, den “Domus de Janas” – den Häusern der Feen beigesetzt wurden. Dies war zu Zeiten der Ozieri-Kultur (ca. 4000–3200 v. Chr.). Die Ozieri-Kultur ist die letzte der großen Kulturen der Jungsteinzeit. Auf wikipedia findest du neben einem Artikel über die Ozieri-Kultur auch ein Foto der berühmten steinernen Figurine der “dea madre“. Diese Darstellung der Göttin kannst du in Sardinien manchmal als kleine Abgussfigur kaufen. Sie ist perfekt in den Proportionen und wunderschön.

In den domus de janas wurden wichtige Persönlichkeiten sowie Stammesoberhäupter beigesetzt.

Es gibt heute noch über 1000 auf Sardinien. In die Höhlengräber legte man nach Ende der Verwesung die Knochen Verstorbener in die von Hand geschaffenen Ausbuchtungen im Fels. Sie werden auch als „ewige Wohnungen“ bezeichnet, da der Tod als eine Form des langen Schlafes gesehen wurde. Man gab den Verstorbenen Waffen mit, um sich gegen Mächte aus dem Jenseits verteidigen zu können. Zudem verzierte man die Wände mit schönen Zeichnungen, von denen einige bis heute erhalten sind.

Man glaubte, das die Felskammern von Feen bewohnt wurden (janas, von lat. Diana). Die Feen saßen einst singend an goldenen Webstühlen und verwandelten sich am Ende ihrer Zeiten in Stein. Damit haben wir nun den Ursprung des Namens Feengräber gefunden ;-).

Ich entdecke bei jeder Reise neue domus de janas. Wenn du aufmerksam bist, findest du die quadratischen Felsöffnungen teils in schwindelnder Höhe. Die Schönheit der Anlagen ist auch heute noch faszinierend. Mit den Zeichnungen überdauerte auch die magische Athmosphäre der Feengräber von Sardinien.

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Die Gräber der Riesen, Tombe dei Giganti

stammen ebenfalls aus der Nuraghenzeit. Auf Sardinien existieren etwa 320 bekannte Grabanlagen. Doch gibt es ganz sicher noch viele weitere, die bislang noch im Verborgenen liegen. Manchmal entdeckt man Reste solcher Grabanlagen auf Weiden oder kleinen Waldgebieten.
Die Legende erzählt von riesigen Menschen, die einst Sardinien bewohnten und dort beerdigt sind. Eine Andere erzählt, das sie ihren Namen aufgrund der gigantischen Ausmaße bekommen haben, die diese Grabanlagen umfassten. Das Ausmaß lässt sich auch heute noch gut erkennen. Sie sind bis zu 24m lang. Die Grabanlagen waren vermutlich nicht vom Stand abhängig. Es gibt Gräber, wo bis zu 200 Skelette gefunden wurden, die in kollektiven Begräbnissen beigesetzt wurden.

Die Tombe dei giganti sind in Form und Größe einzigartig auf der Welt.

Die Vorderseite der Grabanlagen war von einem Halbkreis, der Exedra, begrenzt. Diese Form bildete vermutlich Stierhörner nach. Eine weitere Interpretation: Von oben betrachtet sieht der Halbkreis der Gräber wie eine Gebärmutter aus. Das führt dann zu der Annahme, das die Anlagen auch einem Fruchtbarkeitskult dienten. Leben und Tod waren eng miteinander verbunden.

Im Mittelpunkt steht eine Portalstele, die bis zu 4m hoch sein kann. Die Gigantengräber sind teils nach dem Sternbild Stier (bzw. dem Stern Aldebaran) ausgerichtet. In Zweien fällt genau zum Sonnenaufgang am Tag der Tag- und Nachtgleiche das Sonnenlicht durch eine kleine Öffnung in der Stele.

Die Grabanlage nahe Cagliari, ” Tomba dei Giganti Is Concias” habe ich vor einigen Jahren besucht. Sie liegt mitten in den Hügel, nicht groß ausgeschildert und ist leicht zu übersehen. Aber ich hatte einen guten Führer. Er erklärte mir viele der Symbole, so die Stele die seitlich vom Eingang steht. Sie ist ein Symbol für die Göttin. Die dea madre, die Muttergöttin oder Große Mutter.

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Weiterführende Artikel über Tombe dei gigante und Feengräber auf Wikipedia:

Die Gigantengräber sind die größten pränuraghischen Kultanlagen auf Sardinien. Wie die großen Felsengräber (Sos Furrighesos), die Domus de Janas sind sie Monumente der Bonnanaro-Kultur (2200–1600 v. Chr.) der Vorläuferkultur der Nuragher. Die in Sardu Tumbas de sos zigantes und auf italienisch plur. Tombe dei Giganti genannten Bauten zählen (im Bereich der Exedren) europaweit zu den spätesten Megalithanlagen.

Eine ganze Fotosammlung von Nuraghen auch in meinem Blogbeitrag:

Feenhäuser, Domus de Janas und Nuraghen

Veröffentlicht in der Kategorie Sardische Geschichte, sowie Reiseführer und Reiseberichte

Blogbeitrag geschrieben 2014, aktualisiert 2018 und 2021