Su filindeu und die Herbstfeste in der Barbagia.

Jedes Jahr im Herbst putzen sich die Dörfer der Barbagia fein heraus. Dann wird gezimmert, geräumt und geordnet, gekocht, gebacken und geputz, gemalt, gezimmert und genagelt. Das ist die Zeit der Herbstfeste, des „autunno in Barbagia“ oder auch  „cortes apertes“ genannt.

Von September bis Dezember laden die Dörfer der Barbagia zum Feiern ein. Zahlreiche Events und Aufführungen finden in den traditionellen Cortes (Höfen), in den Handwerksläden und in den Weinschenken statt. Und jedes Jahr werden es mehr! Wenn Du in diesem Zeitraum in Sardinien bist, mein ganz persönlicher Tipp, nimm teil und feier mit! Sardischer geht es nicht :-). Die Menschen sind aufgeschlossen und fröhlich. Es wird getanz, gefeiert und gelacht. Gut gegessen allemal und natürlich auch gut getrunken. Der Filu-ferru dieser Gegend ist legendär ;-).

Dieses Jahr, im Oktober 2019, war ich mit einer kleinen Gruppe unterwegs in Lollove, einem winzigen Hirten- und Bauerndorf inmitten grüner Hügel. Da ich in diesem Herbst mit einem Kamerateam in Sardinien unterwegs war, nutzen wir die tolle Gelegenheit, um ein Video über ein Herbstfest in Sardinien zu drehen. Dieser Film wird im nächsten Jahr auch auf meinem Blog zu sehen sein! Außerdem kannst du in Zukunft einige meiner Ferienunterkünfte vor der Reise schon einmal im Video betreten.
Mit dabei war außerdem Nicole, bekannter als „pecora nera„. Unter diesem Namen schreibt sie als schwarzes Schaf einen sehr informativen Blog über Sardinien, den ich wärmstens empfehlen kann! Wir hatten beschlossen, gemeinsam eins der Herbstfeste zu besuchen und meine Wahl war auf Lollove gefallen, weil ich gelesen hatte, das hier „su filindeu“ hergestellt werden sollte.

So kamen wir mit dem Shuttlebus im kleinen, fast verlassenen Bergdorf Lollove an.

Wieviele Menschen genau noch hier leben, weiß man nicht genau. Man spricht von 25 bis 30. Doch das merkte man an diesem Sonntag nicht. Denn die Straßen waren erfüllt von geschäftigem Treiben. Denn in jedem Herbst belebt sich das das alte Dorf anlässlich der Reihe ‚Autunno in Barbagia‚ (Herbst in der Barbagia).

sole_trennlinieGenau diese Atmosphäre bestrickt den Besucher von Lollove.

Die Straßen und alten Höfe von Lollove werden dann zum Schauplatz vergangener Zeiten. Es werden die Tätigkeiten dargestellt, die einst hier zum Alltag gehörten. Wie zum Beispiel die Schmiedekunst oder das Tischlern. Stolz werden auch die alten Werkzeuge gezeigt oder alte Maschinen. Sei es eine alte Presse für Strohballen, die fachmännisch demonstriert wird, oder die kupfernen Kessel (Nicole, wie hießen die noch?). Sie liegen über dem Feuer und darin wird das Fleisch gegart.

sole_trennlinieUnd wir hatten richtiges Glück! Denn ich hatte zwar gelesen: “ Dimostrazione della preparazione di ‘Su Filindeu’“, aber wer weiß schon, ob das dann auch klappt und man zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist. Wir waren!

Su Filindeu

Wir kamen an den Platz, wo diese ganz besondere Pasta „su filindeu“  hergestellt werden sollte und… eine ältere Dame kam uns mit einem Lächeln entgegen. Die Expertin für „su filindeu“ – und eine der letzten Frauen (auf der Welt), die die Fertigkeit besitzt, diese ganz besondere Nudel herzustellen. Sie war gerade dabei, ihre Utensilien auf dem roh gezimmerten Tisch auszubreiten. Eine Schale mit Hartweizengries, eine mit frischem Quellwasser und eine mit ganz stark gesalzenem Wasser. Dazu noch das „Fundu„, das kreisrunde Tablett, aus Asfodelo geflochten, auf dem der Pastateig später trocknen wird.

Und dann legte die Dame los.

Sie knetete, gab ein wenig Wasser zu, knetete und knetete. Dann der erste Versuch… große Spannung bei den inzwischen zahlreichen Zuschauern.
Die Fäden weren gezogen… einmal, zweimal, dreimal… beim vierten Mal reißen die ersten dünnen Teigstränge. Sie gibt etwas Salzwasser hinzu, so ändert der feste Teig seine Konsistenz. Ihre Hände spüren genau, wieviel und welches Wasser nötig ist. Das Salzige macht den  Teig für su filindeu elastischer.
O.K. … auf ein Neues. Viermal schauen wir gespannt zu und dann ist der erste feine Strang geglückt. 8 mal wird der Teig ausgezogen, bis 256 feinste Nudelfäden entstehen. Schnell aufs Tablett damit, die zarten Teigfäden geordnet und weiter….

sole_trennlinieEine energische, kraftvolle Frau, für mich eine typische Sardin. Voller Selbstbewusstsein und mit höchstem Anspruch an die eigene Arbeit. Ich war wirklich beeindruckt von der Energie und der Präzision!
Während sie knetete und walkte, erzählte sie, dass nur noch ganz wenige Sardinnen im Raum Nuoro die Kunst der filindeu Herstellung beherrschen. Genauer gesagt drei, alle aus ihrer Familie. Dann bleibt nur zu hoffen, das die junge, ca. 10 jährige Enkelin, die aufmerksam zuschaute, bald mit in die Produktion dieser göttlichen Pasta „Su Filindeu“ der Faden Gottes, oder das Haar Gottes, einsteigt und das Handwerk bei der Nonna erlernt.

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Lollove, ein verlassenes Dorf

Steigt man die steilen Straßen des Ortes hoch, kann es sein, das man pötzlich ganz allein durch bewachsene Gassen streift. Ein Hauch des Zaubers und des Geheimnisvollen umhüllt die halb verfallenen Häuser. Man versucht sich unwillkürlich vorzustellen, wie dieser Ort wohl gewesen sein mag, als er noch mit Leben erfüllt war. Und wie wohl das heute Leben dort ist. Die wenigsten Häuser haben fließendes Wasser oder Strom. Der Ort hat Forscher angezogen, Fotografen und Schriftsteller inspiriert. So handelt zum Beispiel der Roman ‚Die Mutter‘ der berühmten nuoresischen Schriftstellerin und einzigen weibliche Literaturnobelpreisträgerin Grazia Deledda in Lollove. Die kleine Kirche im Dorf, von der man einen wunderbaren Blick ins Tal hat, kommt in ihrem Roman vor. Ja die Handlung des Buches dreht sich sogar um einen Priester dieser Kirche.

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Die Barbagia ist das Land der Hirten, die in der Macchia ihre Schafe und Ziegen weiden.

Die Dörfer sind wie Vogelnester an die Berge gebaut. Bezaubernd sind die historischen Kerne der Städtchen mit ihren Granithäusern, engen Gässchen, Cortes (Höfen) und Rebenlauben. Die Landschaft ist Herberge von Schafen, Rindern und Eseln, die zwischen Steineichen und Edelkastanien grasen.
Der Name Barbagia geht auf jene Zeiten zurück, als hier die Sarden Zuflucht vor den Eroberungstruppen der Karthager und Römer suchten.Die Barbagia gliedert sich in mehrere Teile: die Barbagie von Belvì, (nördlichste) Bitti, Nuoro, Ollolai und (die südlichste) Seulo, sowie das Gebiet von Mandrolisai, westlich des Gennargentu.

Die Barbagia ist berühmt für ihren Wein, den Cannonau

Mamoiada, Oliena und Dorgali sind international angesehene Winzerorte. Die Dörfer Belvì und Aritzo stellen geschnitzte Bänke her. Für die Lederverarbeitung steht Dorgali. Natürlich auch für die guten Weine, die hier von einer Kooperative vertrieben werden. Hingegen macht sich Oliena einen Namen mit seinen Schneidereien. Wertvolle Töpfe und Pfannen aus Kupfer finden Sie schließlich in der Barbagia von Seulo. Gavoi ist dafür der Ursprungsort des berühmten Käses Fiore sardo. In Orgosolo „sprechen“ die Straßen mit ihren Murales. Orgosolo ist vor allem bekannt für die Wandmalerien, die von Sardischem Leben, Kultur sowie politischen Forderungen erzählen. Im Oktober lädt dann Aritzo zum Volksfest der Kastanie. In Mamoiada finden zu Karnevalszeit die traditionellen Prozessionsumzuge Mamuthones statt. Das ist nun allerdings ein ganz anderes Thema, solltest Du Dir aber merken, denn dieser Karneval ist wirklich besonders!

Wenn du in Sardinien bist, zwischen September und Dezember… schau dich um, wo das nächste Fest ist! Es lohnt sich.